Einleitung

Um Gospels & Spirituals zu begreifen und möglichst authentisch zu singen, müssen wir verstehen, wie diese Songs entstanden sind. Deshalb machen wir hier einen kleinen Ausflug in die Geschichte...


Herkunft und Bedeutung der Spirituals

Spirituals gelangten wahrscheinlich ab 1619 mit Sklaventransporten von Afrika nach Amerika. Die Schwarzen aus Afrika wurden von Weissen unter unmenschlichen Bedingungen in Ketten nach Amerika verfrachtet und, sofern sie diese Reise überlebten, als "Arbeitstiere" auf dem Markt verkauft. Wie viel Schmerz und Kummer damals angerichtet wurde, kann man sich kaum vorstellen. Die Negro Spirituals waren in Englisch verfasst, da die Sklaven aus den unterschiedlichsten Regionen Afrikas stammten und sich deshalb untereinander nur noch in der Sprache ihrer Herrn verständigen konnten.

Es wäre naiv zu glauben, mit der Aufnahme des christlichen Glaubens hätten die Afroamerikaner ihre traditionelle Religiosität über Bord geworfen. Zu tief war die afrikanische Kultur in ihnen verwurzelt und zu gross die Unterschiede zur herrschenden, "weissen Tradition".

So besangen die versklavten Afrikaner die befreiende Zukunft und das erlösende "Jenseits" meist nur versteckt zwischen den Zeilen. Die Beschwörungsgesänge, die so entstanden, sind die "Spirituals". Die Sänger konnten sich mit dem abwechselnden Singen und Antworten zwischen Vorsänger und Chor (call and response) emotional bis hin zu tranceähnlichen Zuständen steigern.

Fluchtgedanken waren vermutlich immer präsent, doch der Weg aus dem Süden ins freie Kanada war weit und beschwerlich. Ab 1838 gab es ein System von Geheimpfaden, welches "underground railroad" genannt wurde. Viele schwarze und weisse Fluchthelfer halfen den Sklaven im Süden aus der Gefangenschaft in die Freiheit in den Norden zu flüchten. Die Spirituals dienten zur Übermittlung von verschlüsselten und codierten Nachrichten für die Fluchthilfe. Die Doppeldeutigkeiten (double talk) wurde von den Schwarzen verstanden, den Weissen aber waren sie verborgen:

"If you want to find your way to God, the Gospel Highway must be trod...gonna walk all over those streets..." Wenn du deinen Weg zu Gott finden willst, musst du auf der Straße (der guten Nachricht) gehen... geh genau diese bestimmten Straßen...

"Swing low, sweet chariot": der himmlische Wagen als Symbol für die "underground railroad"

"Go down, Moses": Hinweis auf die real existierende Fluchthelferin Harriet Tubman.

Heutigen Schätzungen zufolge wurden in 250 Jahren zwischen 8 und 11,5 Millionen Sklaven nach Amerika verschleppt. Erst mit dem 1865 ratifizierten Gesetz fand die Sklaverei ein juristisches Ende, während die gesellschaftliche Haltung den Schwarzen gegenüber noch lange danach zwiespältig blieb.

Viele Spirituals, die heute noch gesungen werden, stammen aus der Zeit vor dem Amerikanischen Bürgerkrieg (1861-1865); sie sind also über 140 Jahre alt.


Vom Spiritual zum Gospelsong

Der Ausdruck Gospel wurde erst in unserem Jahrhundert verwendet und soll eine Verkürzung der Worte "God's spell" (Gottes Wort) bedeuten. Täglich werden neue Gospels komponiert und in der Kirche gesungen. Sie sind durchaus mit unseren Kirchenliedern vergleichbar. In Amerika hat fast jede schwarze Kirchgemeinde einen eigenen Gospelchor und einen Referent, der für seinen Chor neue Songs textet und komponiert. Es sind Glaubensbekenntnisse, welche den Inhalt der Gospels ausmachen, die von der Botschaft her gar nichts mit den alten Spirituals gemein haben.

Anders als bei den Spirituals kennt man die Komponisten der Gospels sehr wohl. Einer der bekanntesten Komponisten - oft als "Vater der Gospel Musik" bezeichnet - war Referent Thomas A. Dorsey (1899-1993). Im Laufe seines Lebens komponierte er über 1000 Gospeltitel. Mit der Gründung der Organisation "National Convention of Gospel Choirs and Choruses", die noch heute existiert, wies er den Weg für eine neue Gospel Generation. In den weltbekannten und aussergewöhnlichen SängerInnen, wie z.B. Mahalia Jackson, Clara Ward und James Cleveland lebt das Werk von Dorsey weiter.


Kommerzialisierung

Mit dem Aufkommen von Radiosendern und Schallplatten in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts lebte der Gospel neu auf uns fand eine ungeahnte Verbreitung:

Die Quartetts, z.B. Vokalgruppen, wie the Swan Silverstones, the Sensational Nightingales, Soul Stirres, waren in der Zeit von den späten 20ern bis in die 70er populär. Sie haben die amerikanische Popkultur am meisten beeinflusst. Später, ab den 80ern, wurden die Quartetts durch Massenchöre und Chorensembles, wie z.B. Mississippi Mass Choir, the Thompson Community Choir, Try-City-Singer, langsam abgelöst.

Moderne Musikliebhaber verlangten nach mehr "Groove". Deshalb bedienten sich zeitgenössische Gospelproduzenten immer öfters des Hip Hop und R&B Sounds der 90ern.


Unterschiede Spirituals - Gospel


Gospel- & Spiritualmusik wird meist in einem Atemzug genannt. Gemeinsamkeiten haben sich aber erst im 18. Jahrhundert in Amerika entwickelt.

Die Spirituals entstanden in freier Improvisation beim gemeinschaftlichen Singen und wurden mündlich überliefert, meist ohne Angabe eines Autors, während die Gospel Songs mehrheitlich komponiert wurden.

Die Geschichten des Alten Testaments dienten als Grundlage für Spirituals, während die Gospel Songs sich gewöhnlich auf den Leidensweg Jesu Christi und die Botschaft des Neuen Testaments beziehen.

Während die Spirituals meist unbegleitet, d.h. 'a cappella', erklangen, wurden die Gospelsongs instrumental begleitet.

Durch den Einbezug von Jazz-Elementen wirken Gospel Songs rhythmisch intensiver, zupackender und vitaler als die meisten Spirituals.


Quellen aus dem Internet:

www.gospelchor-dacapo.de
www.jackson-singers.ch
www.gospelchor-lueneburg.de
www.voicesofjoy.ch
www.berlin-gospel-web.de
www.gospelabende.ch